Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser auf die neueste Version, oder wechseln Sie auf einen anderen Browser wie ChromeSafariFirefox oder Edge um Sicherheitslücken zu vermeiden und eine bestmögliche Performance zu gewährleisten.

Zum Hauptinhalt springen

Abo
Heiliger Bimbam ruht

Die Glocken der Höngger Kirche sind in C-Dur gestimmt. Die grösste wiegt 2777 Kilogramm und schlägt die Stunde. Foto: Sabina Bobst
Jetzt abonnieren und von der Vorlesefunktion profitieren.
BotTalk

Nacht für Nacht vom Stundenschlag aus dem Schlaf gerissen zu werden, nachdem man diesen endlich gefunden hat, lässt manch einen am kirchlichen Glockenklang verzweifeln. Doch kann der vertraute Glockenton des nachts auch Geborgenheit vermitteln. Und natürlich steht er für eine lange Tradition. Vielen, besonders älteren Menschen, gibt das nächtliche Gebimmel Sicherheit und Struktur. Seit Urzeiten erhitzen die Kirchenglocken die Gemüter landauf, landab. Verändert hat sich nicht viel – der Kirche waren sie heilig.

Nun kommt seit einiger Zeit Bewegung ins nächtliche Läuten. Höngg liefert das aktuellste Beispiel dafür. Dort hat die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde im April mit 48 zu 17 Stimmen beschlossen, die Glocken einer der ältesten Stadtkirchen demnächst von 22 bis 6 Uhr zum Verstummen zu bringen.

Nicolas Mori, Pressesprecher der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, hat Verständnis für die Anliegen der Anwohner. Die Kirche sei durch das Schweigen der Glocken in der Nacht «nicht existenzgefährdet». Beim Stundenschlag handle es sich ja nicht um ein kultisches, sondern um ein weltliches Läuten, «das in keinem Zusammenhang zur religiösen Praxis steht», sagt Mori. Man solle aber den Trend in den Städten nicht zu sehr verallgemeinern, «denn auf dem Land regt sich immer noch oft Widerstand, wenn es den Glocken an den Kragen gehen soll».

Einheitliche Regelung fehlt

Doch der Trend ist eingeläutet. Die Kirchtürme mit Uhrschlag in der Nacht werden immer weniger. Scheinbar still und heimlich haben auch andere Stadtkirchen ihren Kirchenglocken Nachtruhe verordnet. Die Glocken der katholischen Kirche der Pfarrei Heilig Geist in Höngg schweigen schon lange. Vor ein paar Wochen hat sich auch die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Altstetten dazu entschlossen, den Glockenschlag von 24 bis 6 Uhr abzuschalten. Deren Kirchgemeindepräsident Franz Grossen versteht die Lärmgeplagten. Nicht jedermann habe die gleiche Beziehung zum kirchlichen Glockenschlag. Oft seien es Neuzuzüger ohne Bindung zu Quartier und Kirche, die reklamierten. Laut TA-Recherchen haben bereits 15 von 34 reformierten Kirchgemeinden ihren Kirchenglocken Nachtruhe auferlegt. Bei den katholischen Gotteshäusern sind es gar 16 von 24. Einige Zürcher Kirchgemeinden denken darüber nach, es ihnen gleichzutun.

Eine gemeinsame Linie ist bisher nicht auszumachen. Die reformierte Kirchgemeinde Wollishofen etwa entschied sich unlängst, die Glocken auch nachts wieder läuten zu lassen, nachdem es aus dem Quartier gegen den Entscheid zum Abstellen des nächtlichen Stundenschlags Proteste gab.

Tatsächlich fehlt eine einheitliche Regelung. Zwar gab es über hundert Jahre lang eine «Städtische Läuteordnung», die das erlaubte Glockengeläut in Zürich definierte und explizit zu «gegenseitiger Rücksichtnahme» aufforderte. Doch das Reglement von 1908 ist seit 2011 ausser Kraft, wie Andreas Meile vom Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden sagt. «Leider hat der Zürcher Gemeinderat keine neue Verordnung erlassen», bedauert Meile.

Tradition vor Ruhebedürfnis

Heute gilt lediglich die Kantonale Lärmschutzverordnung, und die ist in vielen Punkten nicht eindeutig. So legt sie zwar allgemein gültige Ruhezeiten mit verschärften Grenzwerten in der Nacht fest. Der Zeitschlag der lauten Kirchenglocken wäre damit an sich untersagt. Weil es aber um mehr als normalen Lärm geht, machten die höchsten Richter eine Ausnahme. Das Bundesgericht räumte bei seinen Abwägungen der Tradition «ein hohes Gewicht ein und lässt die geänderten Ruhebedürfnisse der 24-Stunden-Gesellschaft in die zweite Reihe zurücktreten», schreibt die Vereinigung der kantonalen Lärmschutzfachleute in ihrer Studie auf Laerm.ch.

Aus lärmschützerischer Sicht ist das Glockendröhnen in der Nacht nicht unproblematisch. Von «massgebenden Störungen durch Zeitschläge und Morgengeläut» sprechen Lärmfachleute, wenn es zu Aufwachreaktionen nachts und am frühen Morgen kommt. Neben der Höhe des Schallpegels ist Studien zufolge die «Häufigkeit des Glockenschlages während der Schlafperiode» das entscheidende Kriterium. Immerhin erzielten die «ungefragten kirchlichen Weckdienste» laut Laerm.ch Messwerte von 54 und 61 Dezibel. Fahren Tram und Autos nachts durch die Strassen, liegt der Grenzwert bei 50 bis 55 Dezibel.

Die Kirchgemeinde Höngg entschied sich deshalb, im Sinne des Lärmschutzes «proaktiv zu handeln», wie Jean E. Bollier, Präsident der Kirchenpflege, sagt. Niemand im Quartier scheint die neu verordnete Nachtruhe zu stören. «Der Entscheid wird verstanden, das nächtliche Uhrenschlagen hat nun wirklich keinen Bezug zum Christsein», so Bollier. Für die Kosten der Umrüstung des mechanisch betriebenen Glockengeläuts einer der ältesten Kirchen der Stadt nimmt die Kirchgemeinde 13'000 Franken in die Hand. «Es werden neue Schlagwerkmotoren eingebaut, die mittels Computer gesteuert werden», weiss Thomas Schürpf von der Giesserei Rüetschi in Aarau, die den Auftrag zur Schallreduktion bekommen hat. Der Spezialist stellt fest, dass in Zürich wie auch in anderen Schweizer Städten in den letzten zwei Jahren immer mehr Kirchen Lärmschutzmassnahmen ergreifen. «In Zürich haben wir grade jetzt einige Projekte am Laufen», bestätigt Schürpf. Welche das sind, wollte der Experte nicht verraten.

Diskussion beschäftigt Kirchen

Das Handling sei aber von Kirche zu Kirche verschieden. Je nachdem, ob das Geläut mechanisch oder elektrisch betrieben werde. Generell gebe es zwei Methoden: das Abstellen und Blockieren des Stundenschlags, wie jene in Höngg. Oder die Schalldämmung durch Plexi­glas-, Kunststoff -oder Holzkonstruktionen. So wie in der reformierten Kirche Balgrist, wo die Giesserei Rüetschi die Öffnungen zwecks Schalldämmung im Turm mit Acrylglas verschlossen hat.

Sicher ist: Die Diskussionen um die nächtliche Ruhestörung durch Glockenschlag beschäftigen die Zürcher Kirchgemeinden intensiv. Aus diesem Grund hat sich jetzt auch der Stadtverband der Stadtzürcher evangelisch-reformierten Kirchgemeinden des Themas angenommen. Bis Ende September will er eine Bestandesaufnahme bei allen reformierten Kirchgemeinden Zürichs vorlegen, damit jeder weiss, welche Kirchturmuhr wann läutet. Und sich bald jedermann beim Zügeln den Kirchturm nach seinem eigenen Geläutewunsch aussuchen kann.